Im Juni vor 60 Jahren ahnte auch in Geithain noch niemand, was wenige Wochen später geschah und zum Weltereignis wurde. Verließen 1959 noch 144.255 Menschen die DDR, waren es 1960 schon 202.711. 1961 zählte man allein bis Juli in den Notaufnahmelagern 212.814 Flüchtlinge. (s. Van Melis, „Republikflucht“, Oldenbourg Verlag, 2006) Nach den  Geithainer Listen der "Republikflüchtigen" verließen von Januar bis August 1961 neun Geithainer über Berlin die DDR.

Der Empfang von westlichen Rundfunk- und Fernsehsendern war in unserer Gegend (im Gegensatz zur Dresdener Region) immer möglich. Erst ab den 1970er Jahren wurde der Empfang des Westfernsehens staatlicherseits stillschweigend toleriert. In den 1960er Jahren, insbesondere nach dem Mauerbau, reagierten Partei und Staat noch sehr allergisch und rigide auf den Westempfang. Wer sich öffentlich zu bestimmten Inhalten aus bundesdeutschen Fernseh- und Rundfunksendungen äußerte, musste mit Sanktionen rechnen. Geithainer Beispiele hierfür sind: W. Escher, Schüler einer 11. Klasse der Geithainer Oberschule, musste die Schule wegen "Duldung antikommunistischer Äußerungen" verlassen. (s. P. Hammer, „Beiträge zur Geschichte der Schule Geithain“) Ebenfalls im Zusammenhang mit Westempfang und Verbreitung von Nachrichten erhielt der Geithainer S. Syrbe eine Gefängnisstrafe von eineinhalb Jahren. Es war die Zeit, als Jungpioniergruppen durch die Stadt zogen und z.B. „Lieber Bürger, sei kein Tropf, entferne Deinen Ochsenkopf!“ skandierten. Friseurmeister Otto Geier reagierte auf seine Art: Er warf den Kindern Kleingeld hinunter, als wären sie eine Gruppe Kuchensinger in der Faschingszeit. Das Plumpsklo im Hof des Geschäftes gab es damals noch und über dem unvermeidlichen Herz-Loch in der Tür stand, schön gemalt, „SED“. Verwunderten Blicken und Fragen von Kunden entgegnete Geier Otto: „Na, ist doch klar! Sitzt Einer Drauf?“

Von 1961 bis 1988 verließen rund 222.000 Menschen die DDR durch Flucht, Freikauf aus dem Gefängnis oder Nichtrückkehr von genehmigten Reisen. Dieser Zahl stehen gegenüber rund 383.000 Menschen, denen die legale Ausreise gestattet wurde. Das Zahlenverhältnis 1: 1,7 spiegelt sich grob auch in den Geithainer Zahlen wider. Viele ältere Geithainer zogen ihren Kindern (welche nach 1950 die DDR verließen)  in den 1970/80er Jahren legal nach. Geringer, soweit bisher bekannt, rund halb so groß ist die Zahl der Geithainer, welche nach 1961 durch Flucht, Freikauf nach Haftstrafe und Nichtrückkehr von genehmigten Reisen in die Bundesrepublik gelangten. In allen Fällen handelt es sich um sehr junge Geithainer, die ab etwa 2. Hälfte der 1970er bis Mitte der 1980er Jahre das Wagnis der Fluchtversuche auf sich nahmen, weil sie in der DDR keine Perspektive mehr sahen.

Erinnern wir noch an zwei lokale Ereignisse aus dem Jahr 1961. In der Eisenbahnstraße entstand auf der Baulücke zwischen Nr. 1 und dem Gut Wurm das Gewerkschaftshaus. Der Kreisvorstand des FDGB und die Kreisstelle der Sozialversicherung hatten für die nächsten Jahre bis zum Ende der DDR hier ihren Sitz. Seit langer Zeit steht das Haus leer. Links neben dem Haupteingang ist die künstlerische Darstellung von „Werktätigen“ noch gut erkennbar, ein Werk des Bad Lausicker Künstlers Gustav Tschech-Löffler.

Das 1938 als HJ-Heim im Rosental  erbaute Haus wurde nach 1945 zunächst als Kindergarten, ab 1952  für ca. 2 Jahre als FDJ-Kreisleitung und danach als Station Junger Techniker genutzt. Seit 1. September 1961 diente es als Schulhortgebäude. Nach 1989/90 war es viele Jahre an die Leipziger Kindervereinigung e.V. vermietet.

Geithain im 20. Jahrhundert

von Dr. Gottfried Senf

Das 20. Jahrhundert mit seinen Zäsuren 1918, 1933, 1945 und 1989/90 ist in Familiengesprächen weitaus präsenter als weit in der Stadtvergangenheit zurückliegende Themen. Seit Februar 2019 erscheinen in loser Folge auf der homepage und im Amtsblatt Beiträge zur Geithainer Zeitgeschichte. Hinweise, Ergänzungen oder Fragen zu den Quellen bitte über E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


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