Zulassung als Arzt  erneut entzogen

Mit dem Einmarsch der Amerikaner am Sonnabend, dem 14. April 1945 gegen 14.00 Uhr endete für Geithain der II. Weltkrieg. Ende Juni zogen die Amerikaner ab und die Sowjet-armee wurde Besatzungsmacht, in Geithain sichtbar durch die Sowjetische Kommandantur im großen Gebäude in der Bahnhofstraße, später Rat des Kreises bzw. Landratsamt.

Während der Wochen bis Ende Juni gab es, abgesehen vom Bürgermeister, keine wesent-lichen personellen Veränderungen. Das änderte sich bald, besonders radikal im Vorgehen gegen die Lehrer. In zwei Aktionen, Herbst 1945 und Frühjahr 1946, wurden bis auf Berta Schubert   alle Geithainer Lehrer  entlassen. Und bei den vier Geithainer Ärzten?

Dr. Ibrügger war, nach Praxisentzug Ende 1944 und Volkssturmeinsatz, bei Kriegsende  im Ort und durfte sofort seine ärztliche Tätigkeit wieder aufnehmen. In „seiner“  Praxis, d.h. der des 1940 verstorbenen Arztes Dr. Kurt Kyber, arbeitete seit Anfang 1945 ein Dr. Bauchhenneß, vom Gesundheitsamt Borna zugeteilter Ersatz für Dr. Ibrügger. Der Betriebsarzt Dr. Hahn, Initiator der Maßregelung Ende 1944 gegen seinen Kollegen, hatte Geithain verlassen. Es hat auch bei Ärzten nach dem Besatzungswechsel eine Überprüfung gegeben, nach der sie ihre neue Zulassung erhalten konnten. Die beiden, schon seit vielen Jahren ansässigen Ärzte Dr. Buschmann und Dr. Klien, aber auch Dr. Bauchhenneß erhielten diese und setzten nach kurzer Unterbrechung ihre Arbeit fort. So ist eine Bemerkung in einem Dokument zu verstehen, wonach Dr. Ibrügger über einige Wochen der einzige praktizierende Arzt in Geithain gewesen sei. Bis in den Herbst 1945 versorgten die vier Ärzte die Geithainer. Welches Verhältnis zwischen diesen vier, unabhängig von der  alltäglichen medizinischen Arbeit, herrschte, ist unbekannt und wird nach so langer Zeit auch nicht mehr eruierbar sein. Es lässt sich jedenfalls denken, dass das Verhalten eines jeden „vor dem Zusammenbruch“ eine Rolle gespielt haben muss. Die vorliegenden Dokumente führen aber zu der begründeten Annahme, dass es nicht Geithain-interne Dinge, sondern Maßnahmen der übergeordneten Gesundheitsverwaltungen (Kreisarzt in Borna und entsprechende Stellen in Dresden) waren, die Dr. Ibrügger in den folgenden Wochen und Monaten das Leben schwer machten.

Bereits seit Anfang September 45 erhält er aus Dresden wiederholt die Aufforderung zu einem Sondereinsatz. Ibrügger erhebt mit Unterstützung der Stadt jeweils dagegen Einspruch und hatte offenbar Erfolg. Am 15. Oktober 1945 erhält er ein Schreiben aus Dresden: „Nach Prüfung Ihrer erneuten Eingabe vom 3.10.45 wird hiermit Ihr Einsatz als Arzt im Flüchtlingslager Wurzen ausnahmsweise aufgehoben.“ Die Freude über diesen Bescheid währte nicht lange. Im Dezember geht es wieder um einen Einsatz, diesmal in Freiberg. Und wieder trifft es von den vier Ärzten nur den einen! Dr. Ibrügger wehrt sich erneut, jetzt aber mit einem ganz anderen Ergebnis. Am 11.12.45 erhält er ein Einschreiben von der Gesundheitsverwaltung in Dresden: „Durch Mitteilung des Landratsamtes Borna wird uns bekannt, dass Sie der Aufforderung zu einem Einsatz im Umsiedlerlager Freiberg nicht Folge geleistet haben. Aus diesem Grund wird Ihnen hiermit ab sofort die Ausübung Ihres Berufes für die Dauer untersagt.“,

 

Am 10. Januar 1946 erhält der Kreisarzt in Borna ein Schreiben aus Dresden mit der Aufforderung zur Weiterleitung an den Bürgermeister von Geithain: „Dem Arzt Dr. Ibrügger ist von der Landesverwaltung Sachsen die weitere Ausübung der Arztpraxis entzogen worden, weil er im Dezember 45 zu einem Sondereinsatz befohlen worden war, diesem Befehl aber nicht Folge geleistet hat. Ich bitte um Feststellung und Anzeigen, ob Dr. Ibrügger etwa entgegen der Anordnung die Arbeitstätigkeit fortsetzt.“

Am 25. Januar 46 meldet die Stadt an den Kreis, dass Dr. Ibrügger nach wie vor seine Arbeit als Arzt in Geithain betreibt. Er wird als vorbildlicher Arzt, besonders im Gegensatz zur Berufsausübung des Herrn Dr. Bauchhenneß, geschildert. Das ganze Jahr 1946 wird nun geprägt durch das wohlwollende Verhalten der Stadt einerseits und die harten Maßnahmen aus Borna bzw. Dresden andererseits. Gegen Ende des Jahres beantragt Dr. Christian Kyber seine Zulassung als Arzt in der Praxis seines verstorbenen Vaters, weil seine Dienstverpflichtung an einen Ort im Erzgebirge endete. Es gibt keinerlei Einwendungen seitens der betreffenden Stellen. Dr. Bauchhenneß verlässt die Stadt. In Geithain praktizieren wieder die beiden, bereits in der zweiten Generation, wirkenden Ärzte Buschmann und Kyber sowie Fritz Klien, seit den 1920er Jahren ortsansässig. Nun setzt sich Bürgermeister Werner Oertel  mit einem langen Brief vom 11. April 1947 an das Sächsische Innenministerium, Abt. Gesundheitswesen für „den in Geithain sehr beliebten und geachteten Arzt Dr. Ibrügger“ ein. Nach Wochen dann die Entscheidung: keine Genehmigung für Geithain, aber Angebot einer Zulassung für die Arztpraxis in Ebersbach, falls  vorher ein Sondereinsatz im Lager Elsterhorst abgeleistet wird. Nach den bisher zermürbenden Wochen und Monaten akzeptiert Ibrügger die Bedingungen. Aus einem Dokument im Stadtarchiv vom 19. August 1948 erfährt man: „....hat seine Praxis in Ebersbach verlassen und ist nach der Westzone verzogen.“

Wer die vielen Dokumente gründlich zur Kenntnis nimmt, wird sich fragen: Welche personellen Änderungen gab es eigentlich beim Regimewechsel 1945 in den übergeordneten Gesundheitsämtern in Borna und Dresden?  

Geithain im 20. Jahrhundert

von Dr. Gottfried Senf

Das 20. Jahrhundert mit seinen Zäsuren 1918, 1933, 1945 und 1989/90 ist in Familiengesprächen weitaus präsenter als weit in der Stadtvergangenheit zurückliegende Themen. Seit Februar 2019 erscheinen in loser Folge auf der Homepage und im Amtsblatt Beiträge zur Geithainer Zeitgeschichte. Hinweise, Ergänzungen oder Fragen zu den Quellen bitte über E-mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!