Der Januar-Beitrag Geithain im 20. Jahrhundert erinnerte an den Geithainer Pfarrer Gerhard Pfeiffer. Er blieb seinen  moralischen Prinzipien treu, obwohl die Mehrheit seiner Mitbürger damals anders dachten und ihn das spüren ließ.

Dem ehemaligen Geithainer Arzt Dr. Eberhard Ibrügger gebührt  ebenso eine späte Erinnerung und Würdigung wegen seiner menschlichen Haltung in einer Zeit, in der Humanität eher als „Humanitätsduselei“ verunglimpft wurde.

 

Dr. Ibrügger, geboren am 23. April 1911, wurde im November 1940 von Borna  nach Geithain dienstverpflichtet. Es war für die Stadt notwendig, die Stelle des schwer erkrankten und bald verstorbenen Dr. Kurt Kyber zu besetzen. Geithainer Ärzte waren in den folgenden Kriegsjahren auch für die medizinische Versorgung der vielen Kriegsgefangenen und Fremdarbeiter verantwortlich. Deren Arbeits- und Lebensverhältnisse sind inzwischen durch mehrere Veröffentlichungen bekannt. Am schlechtesten erging es wohl den russischen Kriegsgefangenen, welche in der ehemaligen Turnhalle am „Schützenhaus“ untergebracht waren und jeden Tag zum Emaillierwerk hin und zurück marschieren mussten. Der tägliche Anblick dieses Jammerzuges ausgemergelter Gestalten ist wohl keinem Geithainer verborgen geblieben. Es gibt leider nur wenige Beispiele für menschliche Anteilnahme. Jahrelange rassistische Propaganda hatte ihr Ziel  bei vielen Deutschen erreicht. Auch bei Ärzten! Nicht anders ist ein Brief des Geithainer Betriebsarztes Dr. Hahn an die Landesstelle Sachsen der Kassenärztlichen Vereinigung vom 7.12.1944  zu betrachten: „Wir haben mit Dr. Ibrügger die schlechtesten Erfahrungen gemacht. Ganz gleich, ob es ein Franzose oder Litauer ist, er schreibt sofort krank. ... Außerdem werden bei jeder Kleinigkeit diese Leute zum Röntgen nach Rochlitz überwiesen, obwohl es sich hierbei nur um Ausländer handelt. ...

Letzten Endes sind wir ein Rüstungsbetrieb und kein Erholungssanatorium.“  - Da gibt es einen Arzt, der im Rahmen seiner Möglichkeiten das Los dieser Patienten ein wenig erträglicher machen will, aber er wird deshalb von seinem Kollegen bei der Obrigkeit denunziert. Dr. Ibrügger wird die kassenärztliche Genehmigung entzogen und muss beim  „Volkssturm“ einrücken.   

Am 27.Februar 1946 heißt es in einem Erinnerungsbericht einer ehemaligen Dolmetscherin beim amerikanischen Stadtkommandanten für Geithain: „Eines Tages erschien eine größere Anzahl Polen und baten den Kommandanten, zu veranlassen, dass Herrn Dr. Ibrügger die Räume  der ehemaligen NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) zu Praxiszwecken zur Verfügung gestellt würden. Sie sprachen diese Bitte aus, um Herrn Dr. Ibrügger damit ihre Dankbarkeit zu beweisen, weil er sie jederzeit so gut behandelt und beraten habe, was sie bisher in Deutschland nicht erlebt hätten.“ 

Anmerkung: Wie es Dr. Ibrügger nach 1945 erging, ist einem folgenden Beitrag zu entneh-men. Die zahlreichen Quellen im Stadtarchiv erfordern notwendige Bearbeitungszeit.  

Geithain im 20. Jahrhundert
von Dr. Gottfried Senf

Die Geithainer Zeitgeschichte ist seit vielen Jahren Gegenstand der Forschungsarbeit des Heimatvereins. Es ist die Zeit unserer Eltern und Großeltern in dieser Stadt. Das 20. Jahrhundert mit seinen Zäsuren 1918, 1933, 1945 und 1989/90 ist in Familiengesprächen weitaus präsenter als weit in der Stadtvergangenheit zurückliegende Themen. Seit Februar 2019 erscheinen an dieser Stelle in loser Folge Beiträge zur Geithainer Zeitgeschichte. Hinweise, Ergänzungen oder Fragen zu den Quellen bitte über E-mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!