Gerhard und Else Pfeiffer mit Sohn Dankward 1940 GeithainprivatNeben Bürgermeister Dr. Rudolph Focke und Schulleiter Louis Petermann gehört Pfarrer Gerhard Pfeiffer (1886-1956) zu den bedeutenden Geithainer Persönlichkeiten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Auseinandersetzungen zwischen den Deutschen Christen (DC) und der Bekennenden Kirche (BK) haben im Geithainer Alltag der 1930er Jahre eine große Rolle gespielt. Geithain und Umgebung galt einst als eine Hochburg der Bekennenden Kirche in Sachsen. Pfeiffer hatte dazu wesentlich beigetragen. Unabhängiges und selbstständiges Denken, Standhaftigkeit gegenüber seinen moralischen Prinzipien und das alles in einer Zeit, in der die Mehrheit seiner Mitbürger anders dachten und ihn das spüren ließen - das wieder einmal bekannt zu machen und zu würdigen, ist Ziel dieses Beitrages. Der sogenannte Kirchenkampf begann schon im Frühjahr 1933 mit dem Amtsantritt des neuen Landesbischofs. An die Spitze gelangte unter massiver Hilfe des sächsischen Innenministers Fritsch der Dresdener Pfarrer Friedrich Coch. Dieser war nicht etwa nur einfacher PG (Parteigenosse), sondern Mitglied der NSDAP-Gauleitung und dort verantwortlich für kirchliche Angelegenheiten. Coch löste alle gewählten kirchlichen Vertretungen auf, besetzte das Landeskonsistorium mit ihm passenden Personal und beurlaubte missliebige Superintendenten und Pfarrer. Im Juli 1933 fanden Synodalwahlen in Sachsen statt. Das neu gewählte Kirchenparlament wurde - offiziell! - als "Braune Synode" bezeichnet, da der Großteil der Synodalen in SA-Uniformen erschienen war. Es ist der Beginn einer Zuspitzung des Verhältnisses zwischen evangelischer Kirche und dem NS- Staat, besonders aber auch des Kampfes innerhalb der evangelischen Kirche selbst. Pastor Niemöller, im März 1938 zu KZ-Haft verurteilt, war der bekannteste Vertreter der Bekennenden Kirche. In Sachsen gab es mehr als 2500 Maßregelungen durch Partei- und staatliche Stellen, 20 Geistliche wurden allein im Jahre 1935 in das KZ Sachsenburg eingeliefert und zwei sächsische Pfarrer bezahlten mit ihrem Leben. Die Auseinandersetzungen berührten keineswegs nur etwa übergeordnete kirchliche Verwaltungen, sondern spielten sich mit voller Schärfe auch innerhalb der Kirchengemeinden in Städten und Dörfern ab. Nachbargemeinden (wie etwa Nauenhain für die DC und Schwarzbach für die BK) waren zerstritten und innerhalb ein und derselben Gemeinde (wie eben Geithain) bildeten sich zwei verschiedene Lager. Pfarrer Pfeiffer erlebte bittere Jahre, in denen er sich und seine Anhängerschaft den Anfeindungen der Geithainer DC-Gruppe erwehren musste. Im April 1934 bestätigt ihm der Stadtrat als Polizeibehörde die ordnungsgemäße Anmeldung der öffentlichen Veranstaltung "Die Not und die Aufgabe der evangelischen Kirche" im Hotel „Stadt Altenburg“. Sie wurde seitens der Kirchenleitung jedoch kurz vorher verboten. Wieder einige Monate später bleibt es nicht nur beim Verbot einzelner kirchenpolitischer Veranstaltungen. Die Kirchenleitung in Dresden erteilte ihm Redeverbot für die beiden Kirchen der Stadt. Pfeiffer richtete daraufhin Notgottesdienste auf dem Dachboden des Pfarrhauses, auf dem Pfarrhof oder auch zusammen mit den Anhängern auf Schloss Königsfeld ein. Schließlich wurde Gerhard Pfeiffer im September 1937  endgültig mundtot gemacht. Die Kirche suspendierte ihn vom Dienst und das bereits bestehende kirchliche Redeverbot wurde durch polizeiliches Redeverbot verschärft. Im Kirchenarchiv geben mehrere Dokumente Einblick in die damaligen Verhältnisse: Einerseits gehässige  Briefe Geithainer DC-Vertreter an die Kirchenleitung nach Dresden, andererseits Beweise der Verbundenheit mit ihrem Pfarrer aus der Geithainer BK-Gruppe. So existiert beispielsweise eine Eingabe von siebzehn Konfirmandeneltern im März 1938 an das Pfarramt in Geithain. Sie forderten, ihre Kinder von Pfeiffer in St. Nikolai konfirmieren zu lassen. Die Auseinandersetzungen in der evangelischen Kirche begannen 1933 und wurden über mehrere Jahre mit unterschiedlicher Intensität und Härte geführt. Für Pfarrer Pfeiffer endete der Kampf mit der Entlassung aus dem kirchlichen Dienst und der Vertreibung aus seiner Wohnung:  Am 2. Dezember 1940 erhielt Pfeiffer ein Schreiben vom Landrat in Borna mit der Forderung, das Pfarrhaus bis spätestens Dienstag, den 10. Dezember mittags 12 Uhr zu räumen.  Sollte er dieser Verfügung in irgendeinem Punkt nicht nachkommen, wird eine Haftstrafe bis zu 10 Tagen angedroht. Pfeiffer kann eine Verschiebung des Termins erreichen. Das Landratsamt beauftragt schriftlich den Geithainer Fuhrunternehmer Brendel, den Umzug in die Notwohnung bis 17. Dezember durchzuführen. Beim Arbeitsamt in Borna wird er zunächst als "beschäftigungsloser Geistlicher" geführt und ab 1941 zur Arbeit in der Brikettfabrik "Viktoria" in Lobstädt dienstverpflichtet. Aus heutiger Sicht ist das Verhalten vieler Geithainer damals beschämend. Lassen wir den Beitrag eher lustig enden. Ulrich Sommer aus Kanada hat uns bei den stadtgeschichtlichen Nachforschungen in den 1990er Jahren sehr unterstützt. Seine Mutter und die Eheleute Pfeiffer waren befreundet. Ulrich Sommer, damals noch ein Kind, erinnert sich an folgende lustige Episode, die Pfarrer Pfeiffer mitunter erzählte: Er ging zum Standesamt in Geithain, um die Geburt seines Sohnes offiziell anzumelden. Der Beamte: "Na, Herr Pastor, wie soll denn dor Filius heißen?" Pfarrer Pfeiffer daraufhin: "Wir haben ihn auf den Namen Dankward getauft."  Unser braver Geithainer stutzt, überlegt kurz und sagt dann, beginnend mit der typisch sächsischen Form des Erstauntseins: "Hoi, nu awer, das is doch kee Name, das is doch ä Beruf."  - - Der Beruf des Tankwarts war um 1930 in Geithain durchaus schon bekannt. Herr Richard Schenkel erinnert sich, dass es an die vier oder fünf verschiedene kleine Tankstellen zwischen Altdorf und Dresdener Straße gab.

Geithain im 20. Jahrhundert

von Dr. Gottfried Senf

Die Geithainer Zeitgeschichte ist seit vielen Jahren Gegenstand der Forschungsarbeit des Heimatvereins. Es ist die Zeit unserer Eltern und Großeltern in dieser Stadt. Das 20. Jahrhundert mit seinen Zäsuren 1918, 1933, 1945 und 1989/90 ist in Familiengesprächen weitaus präsenter als weit in der Stadtvergangenheit zurückliegende Themen. Seit Februar 2019 erscheinen an dieser Stelle in loser Folge Beiträge zur Geithainer Zeitgeschichte. Hinweise, Ergänzungen oder Fragen zu den Quellen bitte über E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!