Paul GuentherSchule alt kleinWohltäter, amerikanischer Kapitalist, Geldgeber
Das 95. Weihejubiläum der Paul-Guenther-Schule musste wegen CORONA auf nächstes Jahr verschoben werden. Bedauerlich, aber notwendig. Es war jedoch nur einer von mindestens vier runden Jahrestagen in der Geschichte dieser Schule. Besonders bemerkenswert jedoch: Die Stifter-und Spendentradition der Familien Guenther & Nachfahren begeht 2020 ihr „Hundertjähriges“! Nach dem Besuch Paul Guenthers November 1919 begann die Errichtung der Bruno-und-Therese-Guenther-Stiftung. Am Ende dieses besonderen Geithain-Jahres stellen sich Fragen, wie Stadt und Schule in den Jahrzehnten diese Tradition gepflegt haben und mit ihr umgegangen sind.
1920 bis 1950 war es üblich, einmal jährlich, meist am Jahresende und in Form eines „Weihnachtsbriefes“, dem Spender mit einem kurzen Bericht zu danken: Wie groß war die Hilfe in diesem Jahr, wie hoch ist die Spende nun insgesamt, welchen Ertrag brachte sie und wozu wurde dieser im vergangenen Jahr verwendet? In der Lokalpresse oder dem Stadtanzeiger wurde die Stadtöffentlichkeit offiziell darüber informiert und damit sowohl das Wirken Paul Guenthers gewürdigt als auch die Tradition im „Stadtgedächtnis“ erhalten. Das vertrauensvolle Dreiecksverhältnis zwischen Spender Paul Guenther, Bürgermeister Dr. Focke und Schuldirektor Petermann war vorbildlich (s. Amtsblatt 5/2020).
Von 1950 bis 1990 wurde an die Spendentradition nicht mehr erinnert. Paul Guenther galt als „ein amerikanischer Kapitalist“. Politisch bedingt wurde alles, was mit Paul Guenther und seinen Verdiensten für Geithain zusammenhing, zunehmend verdrängt und verschwiegen - mit dem bewussten Ziel des Vergessens.  Es gab in all den Jahren keinerlei offizielle Informationen von Stadt und Schule zu dem Thema. Das Ziel wurde erreicht: Keinerlei Gegenreaktionen bei der Namensänderung 1976 und zur 800-Jahrfeier der Stadt 1986! Die Mehrheit der Geithainer Einwohnerschaft wusste einfach nichts mehr zum Thema! Paul Guenther war aus dem Stadtbewusstsein gelöscht!
   Von 1990 bis zur Gegenwart: Die Rückbenennung der „Juri-Gagarin-Schule Geithain“ in „Paul-Guenther-Schule Geithain“ war ein Geithain-spezifisches Thema während der Friedlichen Revolution von 1989/90. Veröffentlichungen zur Biografie Paul Guenthers und zur Geschichte der Schule stießen auf großes Interesse. Man wusste darüber ja NICHTS, wollte nun aber ALLES wissen. Dann besuchte 1995 die Enkelin des Schulstifters Stadt und Schule! Zu ihrer Freude wurde ihr über die Biografie ihres Großvaters manches Detail aus ihrer Kinderzeit wieder bewusst. Sie erfuhr auch, wie man in der DDR-Zeit mit ihrem Großvater umgegangen war. Und doch entschloss sie sich, die Tradition ihres Großvaters fortzusetzen. Ihre Weiterführung war und ist für Stadt und Schule von großer Bedeutung, zumal, weil sie 1995 durchaus nicht zu erwarten war. Nachdem die Spenden ab 1995 an die Stadt als Schulträger gezahlt wurden, überwies die Stadt 1997 die bis dahin eingetroffenen Spenden an den Förderverein der Schule, der auch Empfänger aller weiteren Spenden bis zur Gegenwart ist.
Viele Geithainer wundern sich seit Jahren darüber, dass von offizieller Seite (Stadt, Schule)
die an sich so großartige Spendentradition Guenther & Nachfahren so wenig öffentlich genannt,
geschweige gewürdigt wird. Sie erinnern sich an die Euphorie in Wende- und ersten
Nachwendejahren oder an die publizierte Öffentlichkeitsarbeit bis 1950 (s.o.). Man vergleicht
mitunter sogar das öffentliche Schweigen zum „Guenther-Komplex“ in DDR-Zeiten mit dem in
den Jahren nach 2000.
Dabei erwartete niemand eine Überhöhung der Spendentätigkeit in Richtung „Wohltäter“. Das
wäre auch nicht im Interesse der Spender gewesen. Einmal jährlich ein kurzes offizielles
Dankschreiben an die Spender und eine offizielle Information der Stadtöffentlichkeit hätten ein
erneutes Vergessen der Ehrenbürgerin Geithains verhindern können. Ein Grund für die
unbefriedigende Entwicklung der Sache „Spendentradition“ in den letzten 30 Jahren ist in der
deutschen Gesetzgebung für Vereine e.V. und Stiftungen zu suchen. Kein Verein e.V. einer
Stadt ist verpflichtet, über seine Spendeneinnahmen die Stadt zu informieren. Die Stadt ist nicht
berechtigt, von den Vereinen e.V. Auskunft über deren Spendeneinnahmen zu erhalten. Im
Amtsblatt 1/2016 erfährt die Geithainer Öffentlichkeit durch einen unautorisierten Beitrag:
   „Förderverein und Stiftung erfüllen ihre satzungsgemäßen Aufgaben. ... Von ihm (dem Förderverein, G.S.) wurde 2002 die private, selbstständige und damit unabhängige Stiftung des Fördervereins errichtet, um für nachfolgende Schülergenerationen ... finanzielle Möglichkeiten realisieren zu können...die Landesdirektion sowie das Finanzamt prüfen die ordnungsgemäße Arbeit des ebenfalls ehrenamtlichen Vorsitzenden der Stiftung.“
Nicht nur „wendebewegte“ Geithainer fragen sich seit Jahren: Wie kann es sein, dass die Stadt Geithain als Schulträger und Eigentümer des Schulgebäudes nicht über die erheblichen Spenden an den Förderverein der Schule informiert ist?  Der bekannte und beliebte Kabarettist Gerhard Polt hat in seinem Stück „Der Leasingvertrag“ den gelegentlichen Widerspruch zwischen dem Denken des Normalbürgers und dem des juristisch geschulten Gesetzesformulierers sinngemäß auf den Punkt gebracht: Doch, das kann nicht nur sein, das ist so und es ist rechtens. Lassen wir mit Gerhard Polt das Jahr heiter und gelassen zu Ende gehen.
Wünschen wir uns allen „EIN GUTES NEUES“!
 
Geithain im 20. Jahrhundert
von Dr. Gottfried Senf
 
Die Geithainer Zeitgeschichte ist seit vielen Jahren Gegenstand der Forschungsarbeit des Heimatvereins. Es ist die Zeit unserer Eltern und Großeltern in dieser Stadt. Das 20. Jahrhundert mit seinen Zäsuren 1918, 1933, 1945 und 1989/90 ist in Familiengesprächen weitaus präsenter als weit in der Stadtvergangenheit zurückliegende Themen. Seit Februar 2019 erscheinen an dieser Stelle in loser Folge Beiträge zur Geithainer Zeitgeschichte. Hinweise, Ergänzungen oder Fragen zu den Quellen bitte über Email an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!