Wasserturm WinterRamonaKratz2015Prekäre Trinkwasserversorgung bis Anfang der 1960er Jahre

Der  Wasserturm in Altottenhain bei Geithain ist in den knapp 60 Jahren seiner bisherigen Existenz zu einem Wahrzeichen der ganzen Region um Geithain geworden. Er prägt die Silhouette seit Jahrzehnten. Auf Grund seiner Lage ist er von allen Seiten schon aus großer Entfernung sichtbar. Er gehört zu den Stationen des 2006 eingeweihten Wanderweges  "Erlebnispfad Wasser". Wanderer und Radler können längs des Pfades historische und moderne Zeitzeugen zum Thema Wasser kennenlernen. Beim Bau des Turmes (1962-1964) durch die alteingesessene Leipziger Firma Max Pommer wurde ein spezielles und für die damalige Zeit neues  Bauverfahren ("Hubverfahren") angewendet. Die Bedeutung des Baues geht auch daraus hervor, dass in der Fachliteratur der Geithainer Turm explizit neben den Türmen in Schweden (Örebro, 1957) und in Saudi-Arabien (Riyadh, 1971) erwähnt wird. Weniger die besondere Bauart als vielmehr die Tatsache, dass er überhaupt gebaut wurde, war für die Wasserversorgung Geithains Anfang der 1960er Jahre entscheidend. Seit Ende der 1950er Jahre gab es immer wieder Berichte über Probleme mit der Wasserversorgung der Stadt. Das alte Wasserwerk am Stollsdorfer Weg (erbaut 1904) hatte längst ausgedient, aber die Einwohnerzahl war nach 1945 stark gestiegen. Es kam in den Vorjahren wiederholt vor, dass höherliegende Stadtteile zu Spitzenzeiten ohne Trinkwasserversorgung waren. Ich kann mich sehr gut an diese Zeiten erinnern. Wir (Robert-Koch-Straße) mussten dann  eimerweise das Wasser von ehemals Zindels Gut über die Colditzer Straße tragen, um in der Badewanne einen kleinen Vorrat anzulegen.  Auf dem Gelände von Zindels Gut befanden sich später Betriebsräume der LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft). Das Luftbild hier stammt aus den 1980er Jahren. Interessant ist es, wie sich das ganze Gelände östlich der Colditzer Straße mit NETTO-Markt, Autohaus Reimann und den Ladengeschäften bis zur „Scheunengrenze“ entwickelt hat.

Die Kapazität des Wasserturms war Mitte der 1990er Jahre erschöpft. Er wurde bald nicht mehr gebraucht. Herr Dieter Pommer erinnerte sich in einer Veranstaltung des Geithainer Heimatvereins an einige Details der Errichtung des ungewöhnlichen Bauwerkes: „Der Gedanke, den Behälter in der Form eines Kegels auszubilden, entstand nach dem Studium der Fachliteratur und der Überlegung, dass hier bei normalem Betrieb die Druckdifferenz zwischen hohem und niedrigerem Behälterwasserstand geringer ist als beispielsweise bei einer zylindrischen Form. Zudem wurde der Neigungswinkel des Kegels so berechnet, dass ein Minimum des Verhältnisses Behältermantel zum Behältervolumen (450 Kubikmeter) entstand. … Das Hauptproblem jedoch bestand in der Frage, wie der Behälter mit einem rechnerischen Gewicht von 400 Tonnen auf die erforderliche Höhe von 23 m zu bringen war. Hebezeuge mit einer derartigen Leistung standen seinerzeit nicht zur Verfügung. Aus der Literatur war ein Beispiel bekannt, bei dem der fertig betonierte Behälter schrittweise auf  dem in Gleitschalung betonierten Schaft nach oben gedrückt wurde. Diese Idee wurde aufgegriffen und versucht, auf die gegebenen Verhältnisse und Möglichkeiten anzuwenden....Ein bedenkliches Problem trat während des Hubvorganges auf; offensichtlich infolge der mangelhaften Hubtechnik – die Pressen waren aus verschiedenen Bereichen der Braunkohleindustrie „zusammengestoppelt“ worden und nicht ausreichend aufeinander abgestimmt – begann der Behälter zu wandern und hatte bereits in halber Höhe von 10 m die im Endzustand zulässige Außermittigkeit. Für den Einbau einer Zwangsführung  war es zu spät. Da halfen die guten Beziehungen, die man vor allem im Zeitalter der staatlichen Planwirtschaft haben musste, zu den Kollegen des VEB Stahlbau Leipzig; die waren es gewöhnt, schwierige Montageprobleme zu lösen, setzten den   400-Tonnen-Topf auf Rollen und zogen ihn mittels Winden wieder in die richtige Position. Das weitere Anheben des Behälters bis auf 23 m über Gelände verlief ohne weitere Probleme.“

Soweit aus dem Vortrag Dieter Pommers. Neben vielen weiteren technischen Details und Erinnerungen an die damaligen prinzipiellen DDR-Bauprobleme machte Herr Pommer auch auf gegenwärtige Probleme des Bauwerkes aufmerksam. Der Turm wird wasserwirtschaftlich schon viele Jahre nicht mehr genutzt. Er steht auf der Kreisdenkmalsliste, ist als technisches Denkmal anerkannt. Das ist zwar erfreulich, ändert jedoch nichts an der Grundproblematik. „Man möge sich nicht täuschen, die Reparatur einer derartigen Stahlbetonkonstruktion ist komplexer als die einer aus Mauerwerk.“ Vor einigen Jahren erwarb ein Architektenehepaar den  Turm für eine private Nutzung. Der normale Wanderer und Radler hofft, dass das gewohnte Landschaftsbild mit dem markanten Turm noch möglichst lange erhalten bleibe.  

Wasserturm BauArchiv GottfriedSenf

Geithain im 20. Jahrhundert

von Dr. Gottfried Senf

Die Geithainer Zeitgeschichte ist seit vielen Jahren Gegenstand der Forschungsarbeit des Heimatvereins. Es ist die Zeit unserer Eltern und Großeltern in dieser Stadt. Das 20. Jahrhundert mit seinen Zäsuren 1918, 1933, 1945 und 1989/90 ist in Familiengesprächen weitaus präsenter als weit in der Stadtvergangenheit zurückliegende Themen. Seit Februar 2019 erscheinen an dieser Stelle in loser Folge Beiträge zur Geithainer Zeitgeschichte. Hinweise, Ergänzungen oder Fragen zu den Quellen bitte über E-mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!                     

Bilder: Wasserturm im Bau, Colditzer Straße, Luftbild, Archiv G. Senf