Geithain PoliklinikRamonaKratz2018Obwohl der Transfer der Gelder nach verschiedenen dringlichen Schreiben nach Dresden schließlich doch noch erfolgte, bewirkte dieser Schock eine weitere Verschärfung der bestehenden Grundproblematik: Diese zeigte sich nun schon seit mehreren Wochen. Die Ärzte der Poliklinik standen alle vor dem Problem der Eröffnung einer eigenen Praxis. Die jüngeren unter den Ärzten drängten deshalb sehr intensiv auf die möglichst schnelle Schaffung von entsprechenden Möglichkeiten. Für die älteren Ärzte hingegen bedeutete die Privatisierung ein erhebliches Risiko und manche hofften, der Umwandlungsprozess möge ihnen etwas mehr Zeit zur Entscheidungsfindung gewähren. Die große Zahl der nichtmedizinischen Mitarbeiter sahen von Woche zu Woche deutlicher, dass ihr Arbeitsplatz nicht mehr in die neue Struktur eines Ärztehauses passen würde. Jeder private Arzt hat schließlich seine eigene Patientenkartei und seine eigenen Angestellten, eine zentrale Anmeldung entfiel. Pförtner, Handwerker und ein eigener Fuhrpark waren unter den neuen Bedingungen nicht mehr erforderlich.  Die einen drängten fast täglich auf möglichst schnelle und möglichst nachhaltige Veränderung, die anderen suchten verzweifelt nach Möglichkeiten der Erhaltung ihrer Arbeitsplätze. Das alles war kein örtliches,  sondern ein allgemeines Problem für alle Polikliniken der ehemaligen DDR.

Wie konnte man den Widerspruch zwischen dem großen Vorteil einer Konzentration von medizinischen Dienstleistungen an einem Ort einerseits und den neuen Erfordernissen (private Arztpraxen, Einbindung der Ärzte in bundesdeutsche Organisationsformen, z. B. die  KBV) lösen? Es gab keinerlei Erfahrungen für diesen speziellen Übergangsprozess ebenso wie für den gesamtdeutschen Einigungsprozess nach 1990. Der „Gehaltsschock“ vom März 91 machte allen Beteiligten (den Betroffenen in der Poliklinik und den Entscheidungsträgern beim Landratsamt) überdeutlich: es ging nicht mehr darum, ob die Einrichtung in ihrer bisherigen Form geschlossen würde, sondern wann und wie das erfolgen sollte. Darin unterschieden sich nun die Entwicklungen in den verschiedenen Kreisen der ehemaligen DDR. Überregional bekannt wurde durch die Medien das (letztendlich erfolglose) sehr engagierte Wirken der Sozialministerin Regine Hildebrand in Brandenburg zur Rettung der Polikliniken.

Das Ende der Kreispoliklinik Geithain ist mit einem Datum markiert. Den letzten Mitarbeitern (vom Arzt bis zur Reinigungskraft) wurde zum 30. Juni 1991 gekündigt. So schwer allen Verantwortlichen dieser Schritt damals auch fiel, welche formalen Fehler in der Anwendung des Kündigungsrechtes auch geschehen waren, welche menschlichen Härten für Einzelne er auch bedeutete, er war unter den gegebenen Bedingungen notwendig und erfolgte zum richtigen Zeitpunkt. Auch aus heutiger Sicht, unter Einbeziehung des  anschließenden Prozesses der Umwandlung in ein privat geführtes Ärztehaus,  war der damalige Zeitpunkt für die Schließung der Poliklinik richtig. Seit Anfang 1991 erwogen Ärzte, ihre zukünftige  Praxis außerhalb der Poliklinik zu eröffnen. Eine Verzögerung des Umwandlungsprozesses hätte mit Sicherheit zur Abwanderung von Ärzten geführt und damit die Gründung eines Ärztehauses erschwert.  

Die Zeit von Juli 1991 bis zum Abschluss des Privatisierungsprozesses 1994 erforderte von allen Beteiligten immense persönliche und dienstliche Umstellungen. Dabei waren die notwendigen baulichen Veränderungen, um die Abgeschlossenheit einer Praxis zu erreichen, nicht einmal das größte Problem. Zur Berechnung der Praxismiete, der Aufwendungen für die Elektro-, Wärme- und Wasserversorgung war natürlich eine klar abgegrenzte Praxisfläche notwendig. Da die Kreisfusion unmittelbar bevorstand und eine Übernahme des Gebäudes der ehemaligen Poliklinik Geithain durch den Kreis Borna abgelehnt wurde, musste die Stadtverwaltung Geithain zwischenzeitlich doch die Trägerrolle für das Haus übernehmen. Bald gab es auch die ersten Auseinandersetzungen zwischen der Stadt als Vermieter und den Mietern. Die „Geithainer Allgemeine Zeitung“ berichtete im Juni 1994 u. a.: „Bei einem Vergleich mit den Äußerungen des Bürgermeisters wird deutlich, dass die Forderungen der Stadt an die Mieter im Ärztehaus unhaltbar sind.“ Nicht nur die Beschäftigten des neuen Ärztehauses standen fast täglich vor neuen Herausforderungen, auch die Patienten aus Geithain und Umgebung mussten sich an die völlig neuen Bedingungen (z. B. keine zentrale Anmeldung, andere Öffnungszeiten u. v. m.) gewöhnen. Es gab Veränderungen bei der Wochenend- und Nachtbereitschaft sowie  in der Notversorgung (DMH, SMH). Auch im DRK fanden erhebliche Umstellungen statt. Über die Privatisierung und den heutigen Betrieb des Ärztehauses Geithain sagt Dr. Thomas Arnold: "Die Lösung aller Probleme bestand in der konsequenten Privatisierung. Mit der Einverleibung des Kreises Geithain in den Kreis Borna gab es unvermittelt das Signal, das Grundstück und Gebäude nun doch in private Trägerschaft zu geben, was man zuvor aus sozialen Erwägungen wiederholt abgelehnt hatte. Eine neu gegründete GbR, bestehend aus einer kleinen Zahl Ärzte, die ihre Praxis im Gebäude der Poliklinik hatte, erwarb die Immobilie, verbunden mit einer erheblichen Kreditaufnahme. Alle anderen Praxen einschließlich verwandter Betriebe wie Physiotherapie, Kosmetikstudio, Apotheke, Augenoptik, Hörakustik und Orthopädietechnik haben als Mieter ihren Sitz im heutigen Ärztehaus. Unter diesen Prämissen sind aber immer noch die medizinischen Fachgebiete Allgemeinmedizin, Betriebsmedizin, Chirurgie, Augenheilkunde, Gynäkologie, Hautkrankheiten, Innere Medizin, Neurologie/Psychiatrie und Zahnmedizin unter einem Dach vertreten. Es gibt keine gemeinsame Leitung mehr, jeder ist unabhängig, dennoch ist es ein attraktives, schönes Arbeiten für die Mediziner und ihre Mitarbeiter, wenn man die gegenseitige Hilfe benötigt und auch erhält."

Neben dem Geithainer Ärztehaus wird die Gesundheitsversorgung für Geithain und Umgebung zusätzlich durch 11 private Arztpraxen im Stadtgebiet gewährleistet, die in den Jahren nach 1990 entstanden: 6 Allgemein- bzw. Facharztpraxen und 5 Zahnarztpraxen.

 

Geithain im 20. Jahrhundert

von Dr. Gottfried Senf

Die Geithainer Zeitgeschichte ist seit vielen Jahren Gegenstand der Forschungsarbeit des Heimatvereins. Die Zeit unserer Eltern und Großeltern in dieser Stadt interessiert manchen mehr als sehr weit in der Stadtvergangenheit zurückliegende Vorgänge, Ereignisse und Personen. Seit einigen Monaten erscheinen an dieser Stelle in loser Folge Beiträge zur Geithainer Zeitgeschichte. Hinweise, Ergänzungen oder Fragen zu den Quellen bitte über E-mail an:

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