Paul GuentherSchule alt klein2020 - Eine Häufung runder Jahrestage in Geithains Stadt- und Schulgeschichte

Im Mai dieses Jahres begeht die Paul-Guenther-Schule ihr 95. Weihejubiläum. Es fällt zusammen mit dem 160. Geburtstag des Schulstifters und dem 30. Jahrestag der Wiederbenennung der Schule mit dem alten Namen. Seit nunmehr 25 Jahren setzt die Enkeltochter die von ihrem Großvater 1920 begründete Stifter- und Spendentradition fort. Runde Jahreszahlen treten aber in diesem Jahr auch zu weniger erfreulichen Ereignissen in der Stadt- und Schulgeschichte des 20. Jahrhunderts auf.

 

Am 13. Mai 1860 wurde der spätere Schulstifter Paul Guenther in Geithain geboren. Vor 130 Jahren, im Februar 1890, wanderte er nach den USA aus und wurde dort, nach bescheidensten Anfängen, ein erfolgreicher Unternehmer in der Textilbranche. 1919 besuchte er erstmalig seine Heimatstadt. Zu Ehren seiner verstorbenen Eltern errichtete er die seit 1920 bis heute wirkende Bruno-und-Therese-Guenther-Stiftung. Schule und Stadt Geithain können in diesem Jahr mit Dank auf eine 100jährige Stifter- und Spendertradition der Familien Guenther &N Nachfahren zurückblicken. Die Paul-Guenther-Schule gehörte nach ihrem Bau 1925 lange Zeit zu den schönsten und modernsten Schulbauten Sachsens. Beim Stadt- und Parkfest 1950 wurde gleichzeitig das 25jährige Bestehen der Schule gefeiert. Es war jedoch das letzte Mal der öffentlichen Würdigung des Ehrenbürgers Paul Guenther. Der ehemalige Schulleiter Louis Petermann wurde 1950 wegen seiner Verdienste am Projekt „Schulbau“ auch mit dem Ehrenbürgertitel ausgezeichnet. Nach 1950 begann der 40 Jahre währende Prozess des Verdrängens und Verschweigens mit dem Ziel des Vergessens! So herrschte über Jahrzehnte ein fast schon schizophrener Zustand: An der Nordseite der Schule der Sinnspruch „Die Liebe zur Heimat, die Güte...“ und „Paul-Guenther-Schule“ einerseits, die jeweilig gültige Schulbezeichnung auf einer darunter angebrachten Holztafel andererseits. Später verdeckte das Holzschild den Namenszug „Paul-Guenther-Schule“. Im Kreis Geithain hatten bis 1975 bereits alle Schulen „den Kampf um den Schulnamen“ geführt. Nur die größte Schule im Kreis, noch dazu die in der Kreisstadt und einzige mit Abiturangebot, war bisher – aus damaliger offizieller Sicht – namenlos geblieben. 1975 bestand die Schule 50 Jahre. Dessen wurde in keiner Weise gedacht. Dafür standen in diesem Jahr im Mittelpunkt die Beschlüsse des Elternbeirates und der SED-Schulparteileitung, „den Kampf um den Namen Juri-Gagarin-Oberschule“ aufzunehmen. Im Mai des Folgejahres wurde dann aus der „namenlosen“ Schule die Juri-Gagarin-Oberschule. Sinnspruch und alter Namenszug an der Nordseite waren abgemeißelt worden. Die Fläche, neu verputzt, wurde durch den Bad Lausicker Künstler Tschech-Löffler gestaltet. 10 Jahre später arbeitete das Autorenkollektiv am Buch „Geithain 1186-1986“ für die 800-Jahrfeier Geithains. In dieser Festschrift und auch während des Festes „800 Jahre Geithain“ wurde der Name Paul Guenther bzw. dessen Schule mit keinem Wort erwähnt. Kein Wunder, dass ab Herbst 1989 das Thema „Paul-Guenther-Schule“ zu einem Geithain-spezifischen Thema der Friedlichen Revolution wurde. So können wir in diesem Jahr auch das 30. Jahr der Wiederbenennung der großen Geithainer Schule mit dem alten Namen feiern. Hatten die Forschungen zur Schulgeschichte bereits vor 1989 begonnen, konnten sie ab 1990 durch die völlig neuen Möglichkeiten der Kommunikation viel intensiver weitergeführt werden. Die Suche in den USA, England und der Schweiz nach etwaigen Nachfahren des Schulstifters, wesentlich unterstützt durch Herrn John Sommer aus Kanada, hatte 1993 endlich Erfolg. Die Enkelin Virginia Vanderbilt. ihr Mann Robert und Sohn Paul konnten mit großer Freude zum 70. Weihejubiläum der Schule im Jahre 1995 als Gäste begrüßt werden. Noch größer war die Freude in der Stadt über die großzügige Weiterführung der Spendentradition ihres Großvaters.

Obwohl Frau Vanderbilt über die jahrelange Missachtung Paul Guenthers nun informiert war, entschloss sie sich 1995 zu einer Spende von 70.000 $ an die Stadt für die Paul-Guenther-Schule. In den Folgejahren bis dato trafen regelmäßig einmal im Jahr weitere erhebliche Spenden zugunsten der Schule ein. Diese Gelder ermöglichten 2002 die Errichtung einer zweiten Stiftung.

Die Stadträte waren sich 1995 schnell einig, Frau Vanderbilt den Titel „Ehrenbürgerin der Stadt Geithain“ zu verleihen. Dabei blieb es aber auch! Von einer würdigen Kommunikation zwischen Stadt und Spenderin (ein Glückwunsch zum Geburtstag, ein Weihnachts- oder Neujahrsgruß, ein paar Bilder von Stadt und Schule o.ä.) kann leider keine Rede sein. Frau Vanderbilt wollte und will mit ihren Spenden schlicht etwas Gutes tun und vertraut den Verantwortlichen, was Anlage des Vermögens und Verwendung der Erträge betrifft. Eine Überhöhung ihrer Spendentätigkeit in Richtung „Wohltäterin“ wäre keinesfalls in ihrem Sinne gewesen. Aber zwischen diesem Extrem und dem Fehlen einer Kommunikation bestehen wohl noch viele Möglichkeiten eines guten menschlichen Kontaktes. Die totale Intransparenz in DDR-Zeiten zu allem, was Paul Gunther betraf, war ausschließlich politisch-ideologisch bedingt. Die mangelnde Transparenz zu den Spenden ab 1995 hat rechtsstaatliche Gründe. Sie liegen in einer formellen Auslegung entsprechender Rechtsvorschriften ohne Beachtung des speziellen örtlichen und historischen Umfeldes. 2015, zum 90. Weihejubiläum, erfolgten zumindest erste Schritte in Richtung besserer Transparenz. Es besteht gegenwärtig Hoffnung auf weitere Verbesserung, d.h. Information der Stadtverwaltung, der Stadträte und der Stadtöffentlichkeit über die großzügige Fortsetzung der Spenden- und Stiftertradition der Familien Guenther & Vanderbilt.

Geithain im 20. Jahrhundert

von Dr. Gottfried Senf

Die Geithainer Zeitgeschichte ist seit vielen Jahren Gegenstand der Forschungsarbeit des Heimatvereins. Die Zeit unserer Eltern und Großeltern in dieser Stadt interessiert manchen mehr als sehr weit in der Stadtvergangenheit zurückliegende Vorgänge, Ereignisse und Personen. Seit einigen Monaten erscheinen an dieser Stelle in loser Folge Beiträge zur Geithainer Zeitgeschichte. Hinweise, Ergänzungen oder Fragen zu den Quellen bitte über E-Mail an:

senfg@aol. com oder Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.