Stolperstein Wella Elfriede Mueller Dresdener Str.16Nachfahrin kommt aus Israel zur Verlegung und berichtet vom Schicksal ihrer Tante

Nachdem im vergangenen Jahr bereits Schülerinnen und Schüler des Internationalen Gymnasiums in Geithain im Rahmen eines Stolpersteinprojektes die Verlegung dreier Gedenksteine für Euthanasie-Opfer ermöglicht hatten (siehe dazu der Bericht im Geithainer Anzeiger Nr. 6/2019, S. 26), fand nun ein weiteres Projekt seinen Abschluss.

Im Anschluss an die damalige Verlegung am 12. Mai 2019  hatte sich aufgrund eines Zeitungsartikels eine in Israel lebende Nachfahrin eines weiteren Opfers der NS-Euthanasie bei den Organisatoren des Stolpersteinprojektes gemeldet und auf das Schicksal ihrer Tante, Wella Elfriede Müller, aufmerksam gemacht, die einst ebenfalls in Geithain gelebt hatte.

 

Im Rahmen einer fünftägigen Projektwoche beschäftigten sich nun 24 Schülerinnen und Schüler der 9., 10. und 12. Klassenstufe intensiv mit der Thematik der NS-Euthanasie und recherchierten im Leipziger Staatsarchiv zum Schicksal der Geithainerin. Dadurch, dass die Schülerinnen und Schüler bereits erfolgreich alle Spenden für die Finanzierung des Stolpersteines zusammensammelten, wurde es möglich, dass nun auch der Gedenkstein für das vierte bekannte NS-Opfer aus Geithain in den Gehweg in der Dresdner Straße 16, vor dem ehemaligen Wohnhaus der Wella Elfriede Müller, eingelassen werden konnte.

Die Stolpersteine sind Gedenksteine, die der Kölner Künstler Gunter Demnig bereits 1992 entwarf. Sie sollen an die Schicksale derer erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, vertrieben, deportiert, ermordet oder in den Suizid getrieben wurden. Mittlerweile gibt es bereits mehr als 75.000 Stolpersteine weltweit, sodass sie heute das größte dezentrale Mahnmal der Welt darstellen. Das Besondere an den Steinen, die zum gedanklichen „Stolpern“ anregen sollen, sind nicht nur die in Messing eingeschlagenen Kurzbiografien der Opfer, die die Passanten an die individuellen Schicksale der NS-Zeit erinnern sollen. Kennzeichnend ist auch, dass die Steine jeweils vor den letzten freiwillig gewählten Wohn- oder Arbeitsorten der Opfer verlegt werden, um einen deutlichen Gegensatz zum Prozess der Deportation und Verfolgung herzustellen. Im Rahmen der Projektwoche konnten die Schülerinnen und Schüler eigenständig die Inschrift für den Stolperstein entwerfen und die Verlegung vorbereiten, für die der Künstler Gunter Demnig persönlich anreiste, um den handgefertigten Stein in den Gehweg einzulassen.

Eine weitere Besonderheit des Projektes stellt die Kontaktaufnahme der Nachfahrin, Frau Brigitta Haim-Müller, dar, die gemeinsam mit weiteren Angehörigen zur Verlegung am 27. Februar in Geithain anreiste und im Gymnasium den Jugendlichen für ein Zeitzeugengespräch zur Verfügung stand. Hierfür hatten die Schüler und Schülerinnen sich bereits im Vorhinein ausgiebig vorbereitet und Fragen ausgearbeitet, die sie der Zeitzeugin am Tag der Verlegung um 9.10 Uhr in der Schule stellten. „Das ist eine seltene Chance, ein Zeitzeugengespräch über die NS-Zeit zu führen“, sagte Kim Dörr, Schülerin der Klasse 9A.

Für Henry Lewkowitz, Geschäftsführer des Erich-Zeigner-Haus e.V., ist das Geithainer Stolpersteinprojekt ein besonderes Beispiel für die Nachhaltigkeit im Bereich der erinnerungskulturellen Projekte: „Das Besondere an diesem Projekt ist, dass es aus einer Reaktion auf unsere Erstverlegungen in Geithain entstanden ist. Nur durch die Kontaktaufnahme der Nachfahrin mit dem Internationalen Gymnasium konnte dieses Folgeprojekt zu einem Schicksal entstehen, das uns bei unserer Recherche zunächst nicht begegnet war. Wir freuen uns ganz besonders über diese Entwicklung und die Tatsache, dass diese Nachfahrin ebenfalls bei der Verlegung dabei sein wird.“

Wella Elfriede Müller wurde am 13. Juni 1915 geboren und lebte in Geithain in der Dresdner Straße 16. Ihre Eltern waren der Obsthändler Oskar Arthur Alwin Müller und Anna Martha Müller (geb. Herold). Wella hatte drei Brüder und drei Schwestern, sie arbeitete nach dem Besuch der Volksschule in Geithain zunächst für ein Jahr in einer Töpferwerkstatt, bevor sie von 1930 bis 1942 eine Anstellung im Geithainer Emaillierwerk fand. Nachdem sie ab 1940/41 vor allem mit körperlichen Beschwerden zu kämpfen hatte, wurde sie an der Leipziger Universitätsklinik untersucht, wo sie am 28. Oktober 1942 die Diagnose „Schizophrenie“ erhielt. Daraufhin folgte für Wella Müller eine Unterbringung in verschiedenen Heil- und Pflegeanstalten, u.a. in der Nervenklinik der Universität Leipzig und der Heil- und Pflegeanstalt Hochweitzschen. Am 27. August 1943 wurde sie in die Heil- und Pflegeanstalt Zschadraß weiter „verlegt“, wo sie schon bald nach ihrer Ankunft an „Marasmus“ (Entkräftung), einer Folgeerscheinung ihrer starken Unterernährung, und an „Lungentuberkulose“ verstarb.

Wella Elfriede Müller wurde am 1. November 1943 in Zschadraß beerdigt. Sie war eine von rund 400.000 Menschen, die im Rahmen der NS-Euthanasie in sogenannte „Heil- und Pflegeanstalten“ eingewiesen und dort unter Berufung auf das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ zwangssterilisiert oder ermordet wurden. Die Einweisungen erfolgten jeweils unter dem Schein einer angeblich schwerwiegenden psychischen Erkrankung – letztlich starben die angeblich „Erbkranken“ aber stets an den Folgen eines urplötzlich diagnostizierten körperlichen Leidens. Diese körperlich begründeten Todesursachen dienten der Vertuschung der Tötung zahlreicher angeblich „erbkranker“ Personen durch die Nationalsozialisten.

Der Stolperstein für Wella Elfriede Müller wurde am 27. Februar 2020 um 15 Uhr auf dem Gehweg in der Dresdner Straße 16 verlegt. Zu den ca. 70 Anwesenden gehörten ihre Nichte Brigitta Haim-Müller aus Israel, weitere Verwandte, viele Geithainer Bürger und nicht zuletzt die Schüler und Schülerinnen des Gymnasiums, die sich mit dieser Problematik im Rahmen einer Projektwoche intensiv befasst hatten, und auch Schüler der Paul-Guenther-Oberschule. Frau Brigitta Haim-Müller richtete ganz persönliche Worte an ihre ermordete Nichte. Marcel Gut hielt ein eindringliches Plädoyer für alle Menschen, die – auch wieder heute – nicht dem „Mainstream“ entsprechen – dies auch insbesondere an alle Jugendlichen gerichtet.

Mehrere Schülerinnen und Schüler trugen ihre Gedanken bei der feierlichen Umrahmung der Verlegung des Stolpersteins vor, so auch die folgenden Zeilen:

Verabschiedung

Das, was bleibt, ist eine Erinnerung

an einen besonderen Menschen,

dessen Leben geprägt ist

von Verfolgung und Lebenskämpfen.

Festgehalten die Erinnerung,

eingelassen in den Bürgersteig,

auf dass du für immer

in unserem Herzen bleibst.

Denn erst wenn wir vergessen,

sind wir verloren.

Aber wir verlieren uns nicht,

weil wir uns erinnern.

Stolperstein Wella Elfriede Mueller Dresdener Str.16Ulrich Ibruegger2020

Viele Anwesende legten nach einer Gedenkminute weiße Rosen am Stolperstein ab und stellten Kerzen auf.

Am Abend trafen sich dann Brigitta Haim-Müller und weitere Verwandte zu einem Gespräch mit Mitgliedern des Geithainer Heimatvereins.

Marcel Gut und Bernd Richter, Geithainer Heimatverein e.V.

 


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