Die Fünftklässler des Internationalen Gymnasiums Geithain beschäftigten sich im Rahmen des fächerverbindenen Unterrichts intensiv mit dem Thema: Geithain – unsere sagenhafte Heimat. Im Fach Geschichte lernten die Schüler die Geithainer Chorknabensage kennen, die als Gedicht und Text überliefert ist. Schon beim ersten Lesen dieser Quellen ergaben sich Fragen, die es zu klären galt. In der Rolle von kleinen Historikern unternahmen die Fünftklässler erste Rechercheversuche. Sie begaben sich auf die Suche nach interessanten Spuren und Hinweisen, um herauszufinden, ob die Sage tatsächlich passiert sein könnte.

Im weiteren Verlauf wurden Fragen für ein Interview mit dem Kirchenwart erarbeitet und ein Termin zur Besichtigung des Kirchturmes der St. Nikoalikirche und des Grabsteines vereinbart.
Herr_Niemann_mit_Kindern
Voller Aufregung hieß es dann am Freitagnachmittag: Auf zum Interview! Auf dem Pfarrhof erwartete uns schon ganz gespannt Herr Niemann, der mit uns den Kirchturm bis zur Viertelsglocke bestieg. Von dort hatten wir einen herrlichen Blick über die Altstadt. Doch gleichzeitig wurde uns bewusst, wie hoch der Turm eigentlich war und wie tief der Chorknabe gefallen sein musste. Anschließend führte uns Herr Niemann zu dem Grabstein des Jungen und stellte sich schließlich den Fragen der Schüler. In der folgenden Geschichtsstunde werteten wir unsere Ergebnisse aus und Herr Niemann zeigte uns zudem einen kleinen Ausschnitt aus dem Kirchenbuch, in dem er einen Eintrag über die Familie des Chorknaben aus dem Jahr 1593 gefunden hatte.
Herr_Niemann_mit_Buch
Ob die Sage tatsächlich so passiert ist, wie sie in dem Gedicht beschrieben wird, konnten auch wir nicht beantworten, aber immerhin haben wir einige interessante Antworten auf unsere Fragen gefunden und einen Einblick in die Arbeitsweise eines Historikers bekommen.
Die zweite Woche sollte genauso handlungsorientiert fortgeführt werden, wie die erste aufgehört hatte. Die Schüler sollten die Sage des Geithainer Chorknaben in Form eines Rollenspiels nachspielen. In Kleingruppen entwarf jede Gruppe in Anlehnung an die Sage ihr eigenes Rollenspiel. Text, Regienanweisungen und die Kostüme wurden von den Fünftklässlern selbst bestimmt und ausgewählt. In der letzten Stunde am Freitag war es dann soweit. Alle Gruppen hatten ihre Texte zu Hause gelernt, die Requisiten vorbereitet und die Proben hinter sich gebracht. Mit etwas Aufregung konnten sie endlich ihre persönlich inszenierte Fassung vor der Klasse aufführen und erhielten dafür von ihren Mitschülern beigeisternden Applaus.

Vom Geithainer Kurrendeknaben

In Geithain an der Kirche,

da ist in Stein gehau'n,

ein Knabe der Kurrende

bis diesen Tag zu schau'n.

In seines Mantels Falten

wächst gelbes Lebemoos-

und immer noch betrauert

die Stadt sein schrecklich 'Los.

 

Wo morgenwärts am Giebel

die Viertelglocke hängt,

da war tief in die Balken

ein Dohlennest gezwängt.

Drin waren junge Dohlen,

die zwitscherten so sehr;

danach stand der Knaben

unseliges Begehr.

 

Einst nach dem Abendläuten,

da steigen sie hinauf.

Wie blicken zu dem Neste

die losen Knaben auf!

Sie können nicht hinüber

und nicht zum Nest hinan,

und sprechen zueinander:

"Wie fangen wir dies an?“

 

Sie schieben drum zum Fenster

ein langes Brett hinaus

und dreie halten's hinten –

und einer steigt hinaus.

Er hält sich an die Balken

und tritt zum Neste hin

und spricht: "Es sind drei schwarze

und auch ein weißes drin!"

"Das Weiße muss ich haben!"

so rufen alle drei.

Der Knabe aber lächelt:

"Da bin ich auch dabei!

Ich bin herausgestiegen,

das Weiße nehm ich mir -

und die drei schwarzen Dohlen?

Ja die bekommet ihr!"

 

Da drohen ihm die Knaben:

"Gibs du uns jenes nicht,

so lassen wir dich fallen!"

Jedoch der draußen spricht:

"Das Weiße, das behalte ich,

das schwatzt mir niemand ab!"

Da - heil'ger Gott - die Knaben,

sie werfen ihn hinab.


Zerschmettert auf dem Boden,

liegt er in seinem Blut

und neben ihm zerschlagen,

die junge Dohlenbrut.

Da seht ihr bösen Buben,

das habt ihr nun getan!

Gott rechne euch die Sünde

dem Unverstande an!

 

Zu Geithain an der Kirche,

da ist in Stein gehaun

ein Knabe der Kurrende,

bis diesen Tag zu schaun.

In seines Mantels Falten

wächst gelbes Lebermoos –

und immer noch bedauert

die Stadt sein schrecklich Los!